Gespeichert unter: Heimat, Reisen | Schlagworte: Bahn, BordRestaurant, der Selfkant, fremd, Fremde, Geilenkirchen, Gifhorn, ICE, Nordrhein-Westfahlen, Reise, Süsterseel, Westdeutschland, Wolfsburg
Das letzte Wochenende habe ich am anderen Ende der Republik verbracht. Man unterschätzt die Breite Deutschlands ja immer. Wenn man auf eine Karte guckt, dann denkt man immer, Deutschland sei lang, aber ich glaube, dass das eine optische Täuschung sein muss. Deutschland ist breit. Sehr breit. Und ich fuhr nun aus dem Osten (wobei noch nichtmal aus Ost-Ostdeutschland, sondern nur aus Berlin) in den Selfkant, die westlicheste Gemeinde Deutschlands, also den absoluten West-Westen (siehe Wikipedia „Liste der Ortsnamen, die mit Artikel gebraucht werden„: DIE Bronx, DER Selfkant …: Die Parallele hat was.).
Ich fuhr nicht alleine, sondern in Begleitung. Eine andere Perspektive auf den Selfkant und das ganze drum herum, findet sich dementsprechend bei meinem Begleiter, also hier. Den ersten Tag unserer Reise kann man getrost mit den Worten „der Weg ist das Ziel“ umschreiben, schließlich trafen wir erst nach Mitternacht in Geilenkirchen ein, wahrscheinlich der nächstliegende Bahnhof für unser endgültiges Ziel Süsterseel.
Dazwischen lag eine lange Bahnfahrt. Schon im Vorfeld haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir die Zeit verbringen könnten. Am Ende kam es mir gar nicht so lange vor, aber das lag wohl an vielen verschiedenen Faktoren. Wir reisten im BordRestaurant des ICE 542 von Berlin nach Köln/Bonn (mit Zugteilung in Hamm). das BordRestaurant ist in meinen Augen der einzig adäquate Platz für eine solche Reise mit der Bahn. Man sitzt besser, man sieht mehr und man kann essen und trinken, so viel man will oder bis einem eben das Geld ausgeht. Nur rauchen darf man natürlich nicht. Das ist ja immer so.
Also saßen wir im BordRestaurant und tranken Bier. Aus erstaunlich geschmackvollen Gläsern im Übrigen, auf denen natürlich das Bahn-Logo zu sehen ist:
Und dazu gab es Essen von Eduard Hitzberger aus der Schweiz, der zwei Sterne und drei Hauben hat. Natürlich aßen wir das Menü, aber nur, weil es zum Menü einen Suppenspatz gab. Sonst hätte bei mir das Kanninchen dran glauben müssen, aber wer lässt sich allen ernstes ein Essen entgehen, das Suppenspatz heißt?
Soviel zu unserer Ausgangsituation, da waren wir also: Donnerstag abend biertrinkend und suppenspatzessend durch Deutschland fahrend, von Ost nach West ohne genau zu wissen, was uns überhaupt erwarten würde, im Westen. Die Fahrt führte zunächst zu mir nach Hause. Vorbei an Wolfsburg …
… zu dem immer alle „Wolzburg“ sagen, auch die Zugdurchsager und wo ich, will ich nach Hause fahren immer in die Regionalbahn umsteige; vorbei an Gifhorn, wo selbstverständlich kein ICE hält (wenn man es genau nimmt, dann hat der ICE auf der Hinfahrt auch nicht in Wolfsburg gehalten, aber immerhin halten dort manchmal ICEs) und man deshalb das kleine Bahnhofsgebäude auch nicht fotografieren kann, weil man eh immer zu spät auf den Auslöser drückt und Gifhorn aus dem ICE sowieso immer nur so aussieht:
… bis nach Hannover …
… Bahnhöfe gucken. Keine schönen, wie man sehen kann, aber welcher Bahnhof ist schon schön? Und außerdem wirken diese Bahnhöfe seltsam vertraut auf mich und die Menschen, die auf diesen Bahnhöfen herumlaufen, sind Menschen, die man kennt und irgendwie auch ein wenig mag, auch wenn man nichts mit ihnen zu tun haben will. Nach Hannover wurde das dann allerdings schnell anders. Bis Bielefeld geht es noch, meinetwegen. Ich habe Verwandtschaft in Bielefeld, deshalb ist mir die Stadt nicht ganz so fremd und sie ist ja auch noch nicht in West-Westdeutschland. Nur eben nicht mehr in Niedersachsen. Oder meinetwegen auch Sachsen-Anhalt. Oder was weiß ich denn. Stattdessen: Nordrhein-Westfalen. Mmh.
Übrigens haben wir gespielt, als wir biertrinkend im Zug saßen. Nicht lange, nur ein Spiel und um das hatte es schon im Vorfeld eine lange Debatte gegeben. Natürlich über Skype:
[21.05.2008 22:47:25] Anne: wir können auch stadt land fluss spielen
[21.05.2008 22:47:45] Falk: nein
[21.05.2008 22:47:50] Anne: warum nicht
[21.05.2008 22:47:50] Falk: ich hasse das spiel
[21.05.2008 22:47:55] Anne: warum?
[21.05.2008 22:48:09] Falk: weil du gewinnen wirst und mein vorschlag viel sexier ist!
[21.05.2008 22:48:14] Anne: ich fände DAS sehr witzing
[21.05.2008 22:48:21] Anne: und man kann es auch veröffentlichen
[21.05.2008 22:48:23] Falk: nein, scheiß
[21.05.2008 22:48:32] Falk: ich werde verlieren
[21.05.2008 22:48:36] Anne: na und?
[21.05.2008 22:48:43] Falk: jajajajajajajajajajajaja
[21.05.2008 22:48:45] Anne: beim fußball hast du auch jahrelang verloren
[21.05.2008 22:48:45] Falk: ja
[21.05.2008 22:48:53] Falk: das ist was anderes
[21.05.2008 22:48:57] Falk: das macht mir spaß
[21.05.2008 22:49:00] Anne: außerdem könntest du dich anstrengen
[21.05.2008 22:49:07] Falk: wieso?
[21.05.2008 22:49:12] Anne: um zu gewinnen
[21.05.2008 22:49:21] Falk: um mit anstrengung zu verlieren
[21.05.2008 22:49:31] Anne: das sagt doch gar keiner
[21.05.2008 22:49:44] Falk: doch, ich sage das, seit geraumer zeit
[21.05.2008 22:49:57] Anne: aber du hast keine grundlage!
[21.05.2008 22:50:12] Falk: wie, keine grundlage: zählt erfahrung etwa nicht
[21.05.2008 22:50:13] Falk: ?
[21.05.2008 22:50:27] Anne: haben wir schon jemals stadt land fluss gespielt?
[21.05.2008 22:50:43] Falk: nein, aber ich habe schonmal stadt land fluß gespeilt
[21.05.2008 22:50:52] Falk: und immer verloren
[21.05.2008 22:50:56] Falk: egal, gegen wen
[21.05.2008 22:50:56] Anne: aber vielleicht bin ich noch schlechter
[21.05.2008 22:51:09] Falk: davon ist nun mal absolut nicht auszugehen
[21.05.2008 22:51:12] Anne: das kannst du nicht wissen, also: keine grundlage
Ich habe mich durchgesetzt, wie diese Fotos belegen:
Und Falk hat auch Recht damit behalten, dass er verlieren würde (175:300), dabei war ich sogar sehr großzügig. Man werfe nur einen Blick auf das folgende Bild und sage mir, ob es berechtigt ist, dass Falk für seinen Fluss „E“, der die Ems darstellen sollte, was er aber aus Zeitgründen nicht mehr aufgeschrieben bekommen hat, Punkte bekommen hat. Er hat nämlich.
Ems, my ass … Aber genug vom Spielen im Zug. Und soviel zum Gewohnten. Bald mussten wir nämlich aussteigen. Nach Dortmund, Bochum, Hamm, Essen und Duisburg (nicht zwingend in dieser Reihenfolge) mussten wir uns von unserem inzwischen beinahe lieb gewonnenen Bahn-Kellner trennen, der sich zum Abschied auch noch bereitwillig fotografieren ließ.
Dann waren wir in Düsseldorf. Und damit in der Fremde. Falk hat den Westen, also diesen richtigen Westen der Republik, hier schon einmal treffend charakterisiert. Er ist mir äußerst unsympathisch dieser Westen und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, was man an ihm finden kann. Ich kann den Westen nicht leiden und als wir dann durch die Düsseldorfer Bahnhofshalle liefen …
… die eigentlich genauso aussieht, wie jede andere Bahnhofshalle jeder anderen größeren Stadt Deutschlands, kam ich mir trotzdem vor wie in einem anderen Land. Die Bedienung an der „heissen Wurst“ hat mich auch nicht verstanden, als ich – man muss ja in so einer Situation – noch ein Bier für die Restfahrt kaufte (im RE gibt es ja kein BordRestaurant und auch sonst nichts), aber das lag wohl eher daran, dass sie nun wirklich aus einem ganz anderen Land stammte.
Insgesamt fühlt ich mich schon wie ein rechter Abenteurer, als wir dann in den Wupper-Express einstiegen, um durch dieses fremde Land in die noch fremdere Fremde zu fahren. Wupper-Express. Der Name klingt schon so fremd. Er klingt so, wie die Gengend dort ist: Wupper. Wenn man das Wort etwas in die Länge zieht, dann bekommt man so ziemlich die Quintessenz dessen, wie sich jedes Wort in der Sprache, die man im Westen-Westen spricht, anhört. Und irgendwie benimmt man sich dort auch so, wie man Wupper ausspricht.
Mit dem Wupper-Express dann also über Mönchengladbach, Erkelenz, Neuss, Rheydt und Hückelhoven-Baal (das sich beim besten Willen nicht fotografieren lassen wollte, jedenfalls nicht mit Namensschild: ich habe es auf Hin- und Rückfahrt versucht!) und noch irgendwas (und bestimmt auch nicht in dieser Reihenfolge nach Geilenkirchen. Und auch endlich mit der Gewissheit, dass uns in Geilenkirchen jemand abholen würde, die Person nämlich, wegen der wir diese ganze Fahrt überhaupt erst angetreten haben. Vorher konnten wir uns da nämlich nicht so sicher sein … Aber letzten Endes wurde alles gut und irgendwann waren wir tatsächlich am Ziel, am anderen Ende Deutschlands und irgendwie auch am (anderen) Ende der Welt. Unserem Zuhause für die nächsten Tage: Willkommen in Süsterseel!
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[...] 27, 2008 Puh. Die Begleiterin war fleißig. Sie hat bereits das ganze Wochenende vertextet und dies auch noch sehr unterhaltsam. Da stehe ich [...]
Pingback von Wochenendtrip II: Vertröstung und Verweis « insofern 27 Mai, 2008 @ 11:47Der Fachmann spricht im Falle der Zugtrennung auch vom Schwächen bzw. Verstärken. So ein Zug, der irgendwann getrennt wird, nennt sich im Fachjargon auch „Flügelzug“. Dazu gibt es extra einen Artikel bei Wiki. Ich selbst durfte schon mehrere Zugtrennungen, auch in Hamm (Westf.), erleben. Letztens kam im Fernsehen ünrigens eine Reportage über einen mittlealten Herren, der jeden Tag mit der Bahn irgendwo hinfährt. Nicht um anzukommen, sondern nur um zu fahren. Mittlerweile ist er Testfahrer für die Bahn und führt das Hobby, das er gemeinsam mit seiner unlängst verstorbenen Mutter begründet hat, auf freiberuflicher Basis fort.
Und der Reisebericht ist sehr schön geschrieben.
Kommentar von x 27 Mai, 2008 @ 2:00Ich musste durch die Strecke ja auch schon das eine oder andere Mal durch… Zum oder nach dem Bier im Zug kann ich die Brezeln vom „Brezel Bub“ im Düsseldorfer Hbf sehr empfehlen! Das ist so ziemlich der einzige Lichtblick dort, aber dafür ein sehr leckerer.
Kommentar von Onno 27 Mai, 2008 @ 6:30[...] | Schlagworte: Bahn, Osten, RegionalBahn, RegionalExpress, Reise, Roitzsch, Westen Nach meiner Reise nach West-Westdeutschland habe ich Gefallen an zwei Dingen gefunden: Bahnfahren in Begleitung durch fremde Gebiete und [...]
Pingback von Ankündigung: Roitzsch und mehr « Fernmuendliches 7 Juni, 2008 @ 11:08